Text der Begründung
Die Jury fasste ihren Beschluss einstimmig und begründete ihre Entscheidung folgendermaßen:
» Der Komponist Klaus Huber, 1924 in Bern geboren, gilt seit den frühen 70er Jahren als Ausdrucks- und Bekenntnismusiker, als Übermittler existentieller Botschaften. Seine hoch differenzierte Musik kündet von der Möglichkeit und vom Glauben an eine bessere Welt. Unangepasst und mit hohem künstlerischen Ethos formuliert Huber seine humanistischen Ideen. Sie finden ihren adäquaten Ausdruck in Werken wie Tenebrae (1967), einer "Passionsmusik ohne Text", die von Sonnenfinsternis und der Verdüsterung des Lebens handelt, oder in der Kantate ...inwendig voller Figur... (1971), das die atomare Bedrohung mit apokalyptischen Visionen kombiniert. "Um der Unterdrückten willen": Der Titel des erstens Teils aus dem groß dimensionierten Oratorium Erniedrigt-Geknechtet-Verlassen-Verachtet (1975-82) steht fast wie ein Motto über Hubers ungemein reichen, vielgestaltigen wie umfangreichen œuvre, das alle Gattungen – vom Musiktheater bis zu kammermusikalischen Formen – umfasst.
Klaus Huber hatte sich anfangs, als Schüler von Willy Burkhard, intensiv mit polyphonem Denken beschäftigt, später dann durch das Studium Weberns und des späten Strawinsky serielle Verfahrensweisen für seine Musik fruchtbar gemacht. Seine Musik wird geprägt durch das starke Interesse an christlicher Mystik, Sufismus und Zen, zugleich setzt er sich mit den unterschiedlichsten Musik-Traditionen auseinander, mit abendländischen wie auch asiatischen, lateinamerikanischen und arabischen Kulturen. Um das Vergegenwärtigen von Vergangenem geht es Huber, wenn er wiederholt bei historisch ferner Musik anknüpft ? bei Perotinus, Gesualdo, Bach oder Mozart (wie in dem Klavierkammerkonzert Intarsi oder in Ecce Homines für Streichquintett).
Wichtige Anregungen bezieht der Komponist vor allem aber aus der arabischen Musik, mit der er sich intensiv beschäftigt und die in vielen seiner Werke nachklingt. Etwa in den Lamentationes de Fine Vicesimi Saeculi für Orchester und Sufi-Sänger (1992-1993) oder in seinem Kammerkonzert Die Seele muss vom Reittier steigen (2002). Einen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident versucht auch die Komposition Die Erde bewegt sich auf den Hörnern eines Ochsen (1992-1994) für Sufi-Sänger, europäische und arabische Musiker sowie Tonband. Den Impuls dazu hatte Huber im Kontext des ersten Golfkrieges 1991 und der damit im Westen kursierenden "Verteufelung der arabischen Kultur" erhalten: Hier verbinden sich poetisch-mystische Bilder und politische Aktualität in einer Klangwelt von faszinierender Farbigkeit.
Nur wenige haben sich so tiefgreifend wie Klaus Huber mit der Verfeinerung des Tonsystems befasst. Seit langem stellt er das temperierte Tonhöhenraster in Frage. Angeregt durch die arabische Musizierpraxis hat Huber eine hochdifferenzierte dritteltönige Harmonik entwickelt. Doch ist dies bei ihm stets gekoppelt an die Inhalte, an seine Botschaften und Bekenntnisse.
Davon künden auch die von Huber mit Vorliebe vertonten Autoren: Die Bergpredigt steht in seiner Musik neben dem Kommunistischen Manifest, Texte der südamerikanischen "Theologie der Befreiung" (Ernesto Cardenal) neben außereuropäischen Gegenwartsautoren (wie Mahmoud Darwish), Hildegard von Bingen neben Heinrich Böll (in Cantiones de circulo gyrante, 1985), mittelalterliche Mystiker neben Ossip Mandelstam. Auf Lyrik dieses russischen Dichters, der einst den auch für Huber so wichtigen Anspruch auf Welthaltigkeit von Kunst formulierte, basiert das Bühnenwerk Schwarzerde (1997-2001).
Musik ist für Klaus Huber Kommunikation. Davon zeugt auch seine langjährige Lehrtätigkeit. Als eine Art Anti-Babel, das junge Komponisten ins Gespräch bringen sollte, verstand er das 1969 von ihm gegründete Internationale Komponistenseminar in Boswil. Als einflussreicher Lehrer und Vermittler hat Huber Generationen junger Komponisten ausgebildet und auch dadurch Musikgeschichte (mit)geschrieben - vor allem in seiner Freiburger Kompositionsklasse (1973-1990) wie auch in Gastprofessuren, Kursen und Seminaren. Aus seinem Unterricht, der unter den gleichen ethischen Prämissen wie sein eigenes Komponieren steht, sind so unterschiedliche Persönlichkeiten hervorgegangen wie Brian Ferneyhough, Wolfgang Rihm, Younghi Pagh-Paan, Reinhard Febel, Michael Jarrell oder Toshio Hosokawa.
Mit dem Preis soll das Lebenswerk eines der herausragendsten Komponisten unserer Zeit gewürdigt werden, eines bis heute produktiven Künstlers, dessen innovative Musik nicht von seinem großen pädagogischen und gesellschaftspolitischen Engagement zu trennen ist. «
Förderungspreis für Franck Christoph Yeznikian
Auf Vorschlag von Klaus Huber wird der Förderungspreis an den Komponisten Franck Christoph Yeznikian vergeben. Hubers Begründung für seine Wahl lautet folgendermaßen:
» Franck Christoph Yeznikian ist ein sehr eigenständiger, hochbegabter, hoch intelligenter, äußerst sensibler Komponist, der sich nicht zuletzt für die philosophischen Grundlagen der Kompositionskunst interessiert. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber Karriere-Denken, hat er sich ohne professionelles Management zunehmende Achtung seines kompositorischen Schaffens erworben. Er war in keiner Hinsicht verwöhnt, was seiner Unabhängigkeit und kompositorischen Eigenständigkeit zugute kommt. «