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Klaus Huber

Doppelpunkt:
   

Wenn ich eine Komposition beginne, liegt ihr immer schon ein Anfang voraus: die Initial-Idee. Sie wächst zusammen aus verschiedensten, oft nur punktuellen Imaginationen, die ein Zentrum umkreisen, sich vernetzen, Zukünftiges antizipieren, Vergangenes hereintragen in ein zündendes Jetzt. Habe ich mit der Ausarbeitung begonnen, kommt die Initialidee immer wieder in Bedrängnis. Sie läuft Gefahr, aus dem kreativen Bewusstsein verdrängt zu werden: durch eingeschliffene Gewohnheiten, bequeme Routine oder auch umgekehrt durch die Unfähigkeit, das Äußerste, das Neue, Unbekannte zu wagen.

Ohne beständige Treue zum Anfang lebt kein Prinzip Hoffnung, gibt es keine konkrete Utopie. Und was ist ein im schöpferischen Bewusstsein antizipiertes Kunstwerk anderes als eine konkrete Utopie? Aber nicht nur konkrete Utopien haben ihren Anfang, der gelebt werden muss. Georg Picht sagt, dass wir unsere Zukunft in der Gegenwart herstellen. Auch das Gegenteil der Utopien, nämlich epochale Krisen, konkrete Niedergänge haben an der Wurzel nicht allein die sogenannten Sachzwänge, sondern hinter diesen gut verschlüsselte, verdeckte «Initial-Ideen», die allermeist auf der menschlichen Hybris, allmächtig zu sein, beruhen. (Hölderlin nennt es «das ungeheure Streben, alles zu sein».)

Epochale Krisen pflegt der Mensch zu verschleiern. Aus Angst, aber eben auch aus Berechnung: Der hierzu öffentlich geforderte Konsens wird als notwendiger Optimismus ausgegeben. Wenn alle Zeichen auf Untergang stehen, hilft es nichts, die Anfänge zu ignorieren. «Einer muss ja schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so Viele.» (Sophie Scholl, «Weiße Rose»). Das Prinzip Widerstand: den Untergang antizipierend widerlegen!

Anfangen ist in jedem Jetzt möglich, das Jetzt ist der Augenblick der Entscheidung (Søren Kierkegaard). Jeden Morgen, wenn ich endlich aufstehe, nein, wenn ich aufwache, erwächst mit dem neuen Tag eine unabsehbare Kette von möglichen Entscheidungen. Anders ließe sich auch nicht einmal komponieren... Das Jetzt als ein Zeit-Wendendes zu erfahren bedeutet: tatsächlich anfangen können!

Des Menschen Zeitlichkeit ist, nicht erst zuletzt, seine Sterblichkeit. Heiner Müller sagt, dass in den Künsten das Gedächtnis der Menschheit aufgehoben ist. «Gedächtnis aber setzt das Überleben der Gattung voraus.» (Bautzen oder Babylon) Hören wir auf dieses Gedächtnis der Menschheit. Es sagt uns immer wieder das Eine: Eine andere Welt ist möglich. Eine Welt der Menschen, die keine neo-imperialistischen Präventivkriege benötigt. Präventivkriege, die durch ein einziges, obsessives Stichwort - Terrorismusbekämpfung - minuziös vorbereitet und schließlich begonnen werden dürfen. (Auch hier: dem Beginn liegt ein Anfang voraus!) Das lateinische Wort für Schrecken ist terror. Ein mit hochtechnologischen, im Jetzt (= real time) potenzierten Waffensystemen geführter Präventivkrieg wird potenzierten Schrecken und damit unsägliches Leiden und schließlich Sterben über Millionen von Menschen bringen, deren Schuld einzig darin besteht, uns gleichgültiger zu sein als noch so fiktive Aktienkurse an den Weltbörsen. Der Einsatz von Atomwaffen, die ja auf unserer Seite nicht in Entwicklung sind, sondern bereitstehen, wird neuerdings wieder ins Kalkül einer «normalen Strategie» einbezogen, ohne dass die Weltöffentlichkeit aufschreit. Ist unsere (öffentliche!) Resignation denn schon so total, dass wir einen möglichen Selbstmord unserer Gattung verinnerlicht haben?

In der Weihnachtsbotschaft heißt es: Friede allen Menschen guten Willens. Dann müssten wir, bevor es zu spät sein wird, mit dem Teilen beginnen, statt das Raffen fortzusetzen. Lasst uns anfangen!

Leben zum Tod hin, das ist das menschliche Schicksal. Aber was ist der Beginn, das Vorwärts, die bleiben? Meister Eckart und Friedrich Hölderlin schrieben zur letzten unserer Fragen auf:

«Je näher ein Ding seiner Geburt, je jünger ist es. Je näher die Seele Gott ist, je jünger ist sie. In der Vernünftigkeit [im Leben durch den Geist, Anmerkung K.H.] ist man allzu jung und je mehr man in der Vernünftigkeit wirkt, je näher ist man der Geburt. Was ich bin in der Zeit, das soll mit der Zeit verderben und zunichte werden, aber nach meiner Geburtsweise, die ewig ist, mag ich nimmermehr ersterben. Wisset, das Kind im Mutterleib ist alt genug zum Sterben, ich aber will trauern, bin ich morgen nicht jünger denn heut!» (Meister Eckart)

« Alles altert und verjüngt sich wieder. Warum sind wir ausgeschlossen vom Kreislauf der Natur? Oder gilt es auch für uns? - Ich wollt’ es glauben, wenn eins nicht in uns wäre, das ungeheure Streben, alles zu sein, das wie der Titan des Ätna heraufzürnt aus den Tiefen unseres Wesens.» (Hölderlin, Hyperion)


Klaus Huber

 

Diese Reflexion wurde am 3.1.2003 im Tages-Anzeiger Zürich als einer von mehreren Beiträgen veröffentlicht, die sich mit dem Thema «Beginnen» befassten.