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Klaus Huber

Ein Krieg gegen die Welt - Eine Welt gegen den Krieg

 

In einem Jetzt, in dem einigermaßen sensible Zeitgenossen in der Sanduhr der Weltzeit die Körner niederrinnen hören, hin auf den Augenblick, in welchem ein gewisser sich als Christ verstehender George W. einen Krieg zu befehlen bereit ist, der die Geschichte des dritten christlichen (!) Jahrtausends wesentlicher verändern wird als wir uns vorzustellen bereit sind ...

... in diesem Jetzt des 2. März 2003 bringen wir armen, ohnmächtigen Gegenwartsmenschen es fertig – wohl aus einer monumentalen Angstneurose heraus – uns über das Für und Wider eines völkerrechtswidrigen Präventivkrieges zu zerstreiten, statt das Äusserste an Einigkeit daran zu setzen, existentiell für den Frieden einzustehen, zu beten und zu fasten, wie es uns ein polnischer Papst sagt, der nun wahrlich nicht als Komunistenfreund in die Geschichte eingehen wird.

20. März – Mir zittert nicht nur die Feder, auch die Sprache, das Ohr, das Hirn. Das Zittern steigt aus diesem kleinen, wehrlosen Menschenherzen.

Wie soll ich mich sprachlich verständlich machen in einer weltwendenden Gegenwart, während superintelligente Waffensysteme überlaut zu "sprechen" beginnen und versuchen, den doch noch existierenden Menschenverstand einzuschüchtern, zu widerlegen mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch von totaler Überlegenheit?

Sie wollen uns doch erpressen. Wir sollen es zugeben: Der Weltgeist, der Zeitgeist sei auf dem Rückzug, beinahe schon auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Hybris eines immer arroganteren Machtpotentials – ökonomisch, militärisch, aber zuvörderst auch ideologisch, im neoliberalen pensiero unico unmissverständlich und lange genug vorausgenommen. Warum waren wir so lange begriffsstutzig, um nicht zu sagen taub?

Das Pentagon, welches an jenem Tag X eine tiefe Wunde an einer Seite seines Fünfecks erlitt, die bis zur Stunde nicht aufgeklärt wurde (1), dieses Pentagon setzt seine immer "höher" entwickelten, superintelligenten Waffensysteme jetzt im Irak ein und sagt sogar laut genug, dass es alle Welt hören kann, nur im Ernstfall des Krieges gegen einen menschlichen Feind könne man Gewissheit über ihre tatsächlichen Zerstörungsfähigkeiten gewinnen. Es handelt sich ja schliesslich um den ersten Krieg des Informationszeitalters...

Schon gibt es erste Meldungen vom Kriegsschauplatz, die anzeigen, dass die Kompetenz dieser gebündelten künstlichen Intelligenz dann und wann ein ganzes Stück unter einem normalen menschlichen Intelligenzquotienten zu liegen scheint, was uns immerhin eine wenn auch kleine Hoffnung offen lässt. Damit will ich ja sicher nichts über den IQ eines gewissen George W. gesagt haben.

Epochale Krisen, konkrete Niedergänge haben an der Wurzel nicht allein die sogenannten Sachzwänge, sondern hinter diesen gut verschlüsselte, verdeckte Initialideen, die auf der menschlichen Hybris, allmächtig zu sein, beruhen. Hölderlin nennt es "das ungeheure Streben alles zu sein".

Emmanuel Todd analysiert in seinem neuen Buch Weltmacht USA, ein Nachruf (2) eine Supermacht im Niedergang, und warum sie gerade deshalb so gefährlich für die Zukunft der Welt wird:

Ein halbes Jahrhundert lang standen die Vereinigten Staaten für politische und wirtschaftliche Freiheit, aber heute erscheinen sie immer mehr als ein Faktor der internationalen Unordnung, und wo sie können, fördern sie Instabilität und Konflikte.

Es gelingt ihm nachzuweisen, dass diese Politik nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche entsteht. Die USA sind wirtschaftlich wie politisch vom Rest der Welt abhängig geworden. Man denke dabei nur an ihr Aussenhandelsdefizit von sage und schreibe täglich einer Milliarde Dollar! Amerika konsumiert, die Welt hat die Tribute (über die internationalen Finanzmärkte) zu liefern, wie es in allen historischen Weltreichen die Regel war. Die reale Freiheit, die auf diese Weise exportiert werden kann, ist nicht viel anderes als die Freiheit von Sklaven. (3)

Der alleinigen Supermacht, schreibt Todd, fehlen vor allem zwei "imperiale" Resourcen: Ihre militärischen und ökonomischen Zwangsmittel reichen nicht aus , um das gegenwärtige Niveau der Ausbeutung des Planeten aufrechtzuerhalten. Und ihr weltanschaulicher Universalismus ist im Niedergang begriffen. Menschen und Völker werden längst nicht mehr egalitär behandelt. Das Bestreben, ihnen einerseits Frieden und Wohlstand zu schenken und sie andererseits auszubeuten, scheitert zusehends.

Diese Zeilen schreibe ich zitternd, denn das grosse Schlachten der Unschuldigen steht erst bevor. Vor drei Tagen sprachen Kommentatoren davon, dass Bagdad, der ältesten noch lebenden Stadt der Welt, von der Grösse Berlins, ein Feuersturm bevorstehen könnte, wenn es denn doch dazu kommen müsste, dass ein- bis dreitausend der intelligentesten Missiles in einem implodierenden Zeitraum die Stadt treffen.(4) Das ist noch nicht geschehen. Piero Sansonetti schreibt dazu am 21.3. in der Unità:

Gestern war der erste muslimische Freitag des Kriegs, und während des ganzen Tages war in Bagdad grosse Unsicherheit darüber, welche Wendung die Luftoffensive der Alliierten nehmen würde. Der Eindruck war, dass die Amerikaner nicht zu massiert bombardieren wollten, dass sie sich einigermaßen vorsichtig verhalten würden, beunruhigt (besorgt?) über die riesige Welle des internationalen Widerspruchs, der ihren Krieg jetzt täglich überschwemmt, wie so etwas nie bei irgendeinem anderen Krieg bisher geschah. Und dass sie zu starke Bombardierungen, Bombenteppiche mit dem Risiko von Kolalateralschäden, das heißt von Zivilopfern, vermeiden wollten.

Il Manifesto titelte: Ein Krieg gegen die Welt, eine Welt gegen den Krieg und begann die Zeitung von vorne wie von hinten: Meldungen über den Irakkrieg beginnen auf Seite eins, die Meldungen und Reflexionen über den Weltwiderstand auf der letzten Seite ,retrograd inversus, von hinten nach vorn. Das ist strukturelle Semantik, die zu sprechen versteht! Resistenza, Widerstand. – Und aller Defätismus mit seinem "na und? Was hat`s schon genützt? Die Aufrufe des Papstes? Die weltweiten Friedensbitten? Der Krieg ist jetzt trotzdem da... etc." – dieser Defätismus wird Lügen gestraft werden, so hoffe ich mit restlicher Kraft.

Wann, wo konnte man das folgende bisher lesen? "Ab jetzt gibt es zwei Superpotenzen." Einerseits die USA, sicher. Andererseits die öffentliche Weltmeinung. Das ist welthistorisch absolut neu. Und sogar diese unsere Gegenmacht verdankt sich nicht zuletzt der Entwicklung der Neuen Medien und ihren riesigen Möglichkeiten.

Ich bekenne, dass ich glaube: wenn einerseits die militärische Computer-Superintelligenz im Stande sein wird, einen kleinen, geschwächten Feind schließlich zu zertreten, um wieviel mehr wird die öffentliche Weltmeinung – durch Internet, Email etc. superintelligent gestützt – im Stande sein, sich schließlich ein so durchdringendes Gehör zu verschaffen, dass sogar die scheinbar undurchdringliche Taubheit jener Supermächtigen, die heute die Geschicke, die Zukunft des Planeten zu bestimmen meinen, aufgebrochen werden wird und sie mit ihren schwachen Sinnen die weltweite Welle des Widerstands mächtig aufrauschen hören.

Wenn der immer noch medienmächtig propagierte Schwach-Sinn (im genauen Wortsinn!) weltweit zum akzeptierten kleinsten gemeinsamen (gesellschaftlichen) Nenner werden sollte, dann ist die Grundperspektive unserer Zukunft verloren.

Das Überleben der Menschheit muss jetzt in der Weltseele in einer weit aufgefalteten, umfassenden humanen Ratio beginnen.

Des Menschen Zeitlichkeit ist, nicht erst zuletzt, seine Sterblichkeit. Heiner Müller sagt in Bautzen oder Babylon, dass in den Künsten das Gedächtnis der Menschheit aufgehoben ist. Gedächtnis aber setzt das Überleben der Gattung voraus. Hören wir auf dieses Gedächtnis der Menschheit. Es sagt uns immer wieder das eine: Eine andere Welt ist möglich. Eine Welt der Menschen, die keine neo-imperialistischen Präventivkriege mehr benötigen wird.

Alle die Splitter, die meine Sinne durchkreuzen, mir in die Seele dringen... Es ist mir unmöglich, sie in transparente Ordnung zu bringen.

Leiden verursachen und Leiden ertragen sind in der Evolution der Schöpfung seit Millionen Jahren verknüpft.

Nachdenken über Leidensdruck und die inneren Kräfte des Mitleidens täte uns not. Am 18. März finde ich in einer italienischen Zeitung (ausgerechnet in Il Manifesto) eine Stimme aus dem Irak, die sich zum Leidensdruck und zu den Blutopfern der zivilen Bevölkerung durch die unmittelbar bevorstehenden Bombardierungen erhebt. Monsignore Shlemon Warduni, Vescovo Auxiliare del Patriarcato di Babilonia dei Caldei, ein Urchrist also, sagt:

Wenn wir in den Himmel gehen, werden wir für euch alle beten. Wenn wir am Leben bleiben, werden wir allen Menschen danken, die für den Frieden demonstriert haben. Und wenn der Herr uns verwandeln will in einem Holocaust für die Welt, werden wir es annehmen. Sein Wille geschehe. Das bitten wir: habt doch Erbarmen mit den irakischen Kindern, habt doch Mitleid mit der irakischen Jugend, den Alten, den Frauen, die in tiefer Verzweiflung sind.

Das Blutopfer Christi am Kreuz in Golgatha wird ernst genommen im Opfertod Unzähliger für die Welt. Leidensfähigkeit aus urchristlichem Glauben. (5) Seine Worte erschüttern mich. Ich glaube, hier zittert ein Hoffnungsschimmer am Zukunftshorizont der Menschheit. Im Zeitalter einer zunehmenden Verdinglichung des Menschen, die sich seit der Jahrtausendwende exponentiell beschleunigt, ist eine weltgeschichtlich einmalige Konvergenz aller Religionen im Nein zum Krieg gewachsen. Der "Herr der Heerscharen" (Bibel) entwaffnet sich selbst.

Diese Menschheitshoffnung wächst, selbst wenn mir Erwin Chargaffs Aufschrei Abscheu vor der Weltgeschichte (6) in diesen Tagen ständig in den Ohren dröhnt...

Klaus Huber, Panicale, Umbria, 23. 3. 2003
Dieser Text wurde in leicht veränderter Fassung erstmals veröffentlicht in: Basler Zeitung, 25. 3. 2003, S. 33-34

Anmerkungen

1. Das entstandene Durchschlagsloch war so klein, dass nur ein flügelloser Flugkörper es geschlagen haben kann.Wer oder was konnte einen solchen intelligent genug gelenkt haben? Und der konnte doch sicher nicht aus Übersee kommen... Siehe Thierry Meyssan: 11 septembre 2001. L'effroyable imposture. Editions Carnot, Chatou 2002

2. erschienen im Verlag Piper, München/Zürich 2003.

3. siehe hierzu auch Tilo Bode: Die Demokratie verrät ihre Kinder, DVA/Manesse, 2002.

4. siehe Ariel Dorfman: Slaughter of Innocents, Pablo Picasso has words for Colin Powell from the other side of death. http://www.lysistrataproject.org/nonviolence.htm.

5. Vielleicht könnte man voraussagen, dass die Leidensfähigkeit des Menschengeschlechts, in den kommenden Jahrzehnten auf schwerste Proben gestellt, wesentlich darüber mitentscheiden wird, auf welche Seite die Waage sich senkt. – Ich weiss, damit lehne ich mich zu weit aus unserem kleinen Zeitfenster hinaus.

6. Titel eines seiner letzten Bücher (Clett-Cotta, 2002)