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KLAUS HUBER

Muss es sein? Es muss sein - aber anders !


Wenn wir über die Krise der Jetzt-Zeit nachdenken, die nicht nur in ökonomischer Hinsicht dramatisch destruktive Züge zum Vorschein bringt, verstellt uns ein bereits allmächtig gewordenes Vorurteil den Blick, verklebt uns die Ohren, lähmt unser Denken. Dieses Vorurteil lautet, dass der weltweite freie Markt alternativlos unsere Leitkultur zu sein hat, und das nicht nur global sondern total, indem der Glaube an ihn alle Lebensinhalte durchdringt, umschliesst, dominiert. Damit ist es zu einer neuen Selbstverständlichkeit geworden, die Entwicklung unserer Kultur, Kunst und natürlich nicht zuletzt Musik in linearer Abhängigkeit von ökonomischen Trends zu sehen. Es ist dieser absolute, alternativlose Glaube an die Allmacht des Marktes - providentia Mercati statt providentia Dei1- der die Autonomie der Kunst in ihrem Wesen bedroht. Vor mehr als dreissig Jahren habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Freiheit der Künste und damit des Künstlers immer fiktiver wird.

Walter Benjamin analysierte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hellsichtig den Kapitalismus als "eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung..." 

"Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus...Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiss, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen2" (Heute würde man ja sagen müssen: die Schuld zu globalisieren...) Und Carl Amery ergänzt, dass "der Totale Markt auf dem Zenit seiner Macht und Wirksamkeit...sich als alternativlos darstellt. Alternativlosigkeit ist das Zeichen von Allmacht. Allmacht ist das Kennzeichen einer Ideologie bzw. Religion. Während wir glauben, dass unsere Gesellschaft ein bunter Fleckenteppich von Werten und Kulturen ist, existiert sie in Wahrheit unter der Kuppel (Pantheon) der Religion des alles bestimmenden Totalen Marktes."3 

Ein Kult, eine Religion ohne Transzendenz.

Und, um dem Kultus zu folgen, soll gespart, eingespart werden? Breit genug etablierte alternativlose Vorurteile, die durch einen unteilbaren Glauben sich legitimiert wissen, bringen den jetzt überall anzutreffenden vorauseilenden Gehorsam hervor, der das oberste Dogma des Sparens gar nicht mehr hinterfragt. Etwa so: da die (Welt-)Wirtschaft sich weigert, weiterhin linear zu wachsen, können wir uns eine Kultur, Musikkultur doch nicht weiter uneingeschränkt leisten. - Nicht einmal eine mit Wachstum Null?

Aber: le bien commun, das ist das herausragende Resultat unserer Europäischen Kulturgeschichte, mindestens der letzten 150 Jahre ! Das dürfen wir nicht einbüssen.

Die allzu oft stillschweigende Einwilligung in übergeordnete, also zu verordnende Sparmassnahmen ergibt sich nicht aus den sogenannt realen Sachzwängen., vielmehr ganz offensichtlich aus der Umverteilung von Prioritäten.

Kultur, gerade auch eine lebendige, innovative Musikkultur braucht Kredit und zwar öffentlichen Kredit. Ja, sicher, aber welchen?

Credito, ergo sum: das Küchenlatein weltweit aller Banken. Ich bin kreditwürdig, also darf ich an meine Existenz glauben.

Demnach: Kultur-Umbau, um unsere Europäischen Musikkulturen zu erhalten. Was heisst hier schon Erhaltung? Wie kann man sich auf nachhaltige Kulturpflege verlassen, solange die Oberförster einen Kahlschlag als letzte Möglichkeit immer im Auge behalten?

Nicht gerade innovativ...

Und zum letzten Mal: deshalb soll gespart werden?

Ein grundsätzliches Umdenken, das uns die Anbetung des menschengemachten Götzen verunmöglichen würde, wäre Not-wendend. - Wir wissen doch alle oder sollten es wissen, dass heute rund zwanzigmal soviel Geld weltweit im Umlauf ist als noch vor zehn-zwölf Jahren...(Eine Tatsache, die nicht einmal von den fanatischsten Anhängern des Neoliberalismus bestritten wird.) Danach gibt es weltweit eher zu viel als zu wenig Geld im Umlauf; fragt sich doch nur, in welchen Taschen die resultierenden Profite landen - und bleiben?

Aber, es wird uns eingehämmert: Kapital will bedient sein, zu guterletzt auch noch durch unsere Musik?? Kapital verlangt nicht Produkte, wie innovativ diese auch sein mögen, sondern Rendite. Entscheidend ist dann, dass alle fälligen Tribute gezahlt werden. Kulturschädigende Schamlosigkeiten [4]4 erscheinen im Rückenwind selbstverschuldeter Krisen, oder sagen wir es offener, raupenartig sich fortsetzender kumulierender Rezession. Die kostengünstigste Wahn-Perspektive: staatlich unterstützte Kunst, Kultur soll privatisiert und wenn das nicht gelingt, entsorgt werden, sofern sie nicht bereit ist, zu rentieren... 

Dagegen stehen Tatsachen, Realitäten, die heute viel zu wenig ins öffentliche Bewusstsein treten. Womit ich zu unserer Sache kommen möchte.

In den letzten fünfzig Jahren sind in unseren Gesellschaften auf fast allen Gebieten der Musik Potentiale geschaffen worden, die man nicht übergehen darf, will man bei der Wahrheit bleiben: durch Jugendmusikerziehung, breite Musikpflege, neu gegründete Musikhochschulen, Einbeziehung der modernen, der zeitgenössischen Musik an fast allen Musikhochschulen etc. etc. Diese Potentiale, das muss ich betonen, liegen heute weit über jenen, mit denen unsere Generation sich während ihres Musikstudiums mit der damaligen Blüte zeitgenössischen Komponierens befasste.

Die Bedingungen für eine veritable, umfassende Musikkultur, was Neue Musik aber auch die inzwischen emanzipierte, weit entwickelte Lehre und Pflege fast aller zugänglichen Alten Musik angeht, könnten heute eine unvergleichliche musikkulturelle Blüte hervorbringen, wenn man diese nicht von oben zu drosseln begänne.(s.o.)

Ich erlaube mir, mit einem Bild zu antworten. (Nichts als ein Bild?) Es wurde breit gesät, das keimende Grün während Jahrzehnten stetig bewässert. Und jetzt, wo überall Knospen sich gebildet haben und Blüten aufgehen, soll das Wasser gedrosselt werden. Weil der Erhalt der Gärten nicht mehr erschwinglich sei...Man verlangt von den Blumen, gefälligst das ihnen nötige Wasser selber zu produzieren..


Abschliesend sei mir aus gegebenem Anlass eine kleine märchenhafte Utopie erlaubt. Mit ihr lässt sich einiges von dem in unser Bewusstsein zurückholen, was ja als genügend laute Frage im gesellschaftlichen Raum steht.

Es geht um Investitionen. Darüber wird ein "Dach des Einverständnisses" errichtet, das alle die möglichen (und unmöglichen?) Sponsoren am Trockenen und bei möglichst guter Laune halten soll.

Aber, was die Musik angeht: die allerwichtigste, entscheidende Investition ist ZEIT.

Liessen sich nicht potente Sponsoren dazu motivieren, uns ZEIT-KREDITE zu gewähren? Und zwar nicht gleich verknüpft mit dem schnöden Schielen nach einem vermarktbaren Produkt.

Musik hat allen anderen Künsten dieses Eine voraus: sie ist unauflösbar an Zeit gebunden. Alle ihre Parameter sind Zeit-Parameter. Sie ist, wenn ich es so definieren darf, konkrete Darstellung menschlicher Zeit.

Also: verschafft uns Zeit! - genügend Zeit!! - Lebenszeit, Kompositionszeit, Zeit zum Musiklesen und -hören, um sie besser zu verstehen, Zeit zur Einstudierung, genügend Probenzeit!!, Zeit, die Musiken hervorragend aufzuführen, Zeit, sie alle anzuhören.

Fazit: es müsste in ein umfassendes ZEIT-KAPITAL investiert werden, das an keiner Börse kotiert ist. Aus ihm sollte jede Musikerin, jeder Musiker einen Kredit erhalten können, immer dann, wenn es an Zeit fehlt, (was heute fast zur Regel geworden ist). Und solches möglichst zinslos oder zu niedrigstem Zins. Jedenfalls ohne Amortisationsverpflichtung. Musik sollte ja keinesfalls "ad mortem" führen. Nein, zum Leben, zu erfüllter Lebenszeit.

Zeit ist Geld – der Spruch bedeutet eine unverschämte Verdinglichung von Lebenszeit. Dann müsste es ja konsequenterweise auch heissen: Musik ist Geld. Und genau das können und dürfen wir nicht zulassen. Darf ich an "des Kaisers neue Kleider" kurz anknüpfen. Da wir offenbar immer noch bereit sind, ohne Einschränkung an alle die neuen "Kleidungsstücke" unserer Jetztkultur zu glauben, solange sie sich profitabel vermarkten lassen, können wir ihre tatsächliche, immer repressivere Nacktheit nicht mehr erkennen, nicht einmal mit dem blossen Auge eines gesunden Menschenverstands. Aber, unsere Kultur wird bei alledem bald, sehr bald allzu nackt dastehen. Und gegen diese Nacktheit hilft nichts anderes als KULTUR. 

Aus der Menschheitsgeschichte müssten wir es doch gelernt haben: Nach kürzerer oder längerer Zeit wird auch dieser vom Menschen geschaffene und als allmächtig angebetete Gott (gleich GÖTZE) ,errichtet auf tönernen oder wenn auch auf kupfernen (Greenspan) Füssen in sich zusammenstürzen. Nicht lautlos, aber mit Getöse. - Sollte ich das noch erleben, was unwahrscheinlich ist, wäre ich von Schadenfreude weit entfernt, müsste meine Leidensfähigkeit beweisen... Leisten wir unseren nicht zuletzt auch ästhetischen Widerstand, solange dafür noch Zeit ist.

Wir müssen zurück- und durchfinden zu einer Musik als ZEIT-KUNST und uns ebenso entschlossen gegen ihre zunehmende Verdinglichung im Produkt für den Totalen Markt stellen.

Und dann: lasst uns weniger Musik schaffen, aber dafür bessere - ich könnte doch auch wünschen, tiefere!

Klaus Huber, Bremen, 2. -5. Nov. 2003 

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Anrmerkungen

1 Kurt Marti: Im Sternzeichen des Esels, S. 158-161,Religion des Marktes Verlag Nagel & Kimche AG, Zürich/Frauenfeld, 2.Auflage 1995

2 Walter Benjamin , zitiert nach Sven Kramer: Walter Benjamin, zur Einführung, Junius-Verlag 2003 

3 siehe Carl Amery: Global Exit , die Kirchen und der Totale Markt, Luchterhand 2002

4 als Briefkopf einer persönlichen Einladung zu einem Wirtschafts-Kultur-Kongress in Freiburg i. Br. stand allen Ernstes m m & m, was offenbar im Klartext heissen soll: Mozart Märkte und Moneten. So weit haben wir´s gebracht? Darauf lässt sich nur antworten: L.m.a2 (Leckt mich a. A.)


© 2003 Klaus Huber